Anfahrt  |   Login  |  Datenschutz


Hannover, 6.2.2018

Basketball lässt Bürgerkrieg vergessen

Dirk und Angelo

„Basketball is my life“. Selten habe ich diese Aussage mehr geglaubt als in der Sporthalle in Osnabrück. Angelo aus dem Südsudan ist vor knapp vier Jahren aus seiner Heimat geflüchtet und spielt aktuell beim Osnabrücker SC Basketball. Ein gelungenes Beispiel für die ersten Schritte hin zu einer gelungenen Integration durch den Sport. Dabei ist leider nicht alles positiv. Ein Bericht über mein Treffen mit dem jungen Mann und über seine Geschichte.

 

Osnabrück, 29. Januar 2018, 19.30 Uhr, es regnet in Strömen, weht heftig und ist nasskalt, typisch norddeutsches Schmuddelwetter eben. Ich bin mit Dirk vom NBV und Angelo vor der Sporthalle verabredet und will mit beiden über die Themen Integration und Basketball sprechen. Während wir auf den Teamkameraden warten, der den Schlüssel für die Halle hat, kommt ein großer, dunkelhäutiger Mann mit Handschuhen, Mütze und hochgeschlossener Winterjacke über den Parkplatz auf uns zu. „Hey, nice to meet you, my name is Angelo“, sagt er und gibt mir freundlich lachend die Hand. Auf meine Antwort, dass es mir leid tue für dieses Wetter muss er lachen und meint, dass er sich schon etwas an die klimatischen Verhältnisse im Norden gewöhnt habe. Im Vergleich zu seiner Heimat sei es aber natürlich ein krasser Gegensatz. Angelo kommt aus dem Südsudan, einem Land mitten in Afrika, das zu den ärmsten der Welt gehört und seit einigen Jahren von einem Bürgerkrieg gebeutelt wird. Wenig überraschend, so erzählt er mir, ist Fußball auch hier die Sportart Nummer 1, der Grund ist jedoch ein trauriger: Ein Fußball ist leichter zu bekommen als ein Basketball und eine halbwegs freie Fläche ist ebenfalls recht unproblematisch auffindbar. Eine intakte Korbanlage, eine ebene Fläche und ein Basketball sind deutlich schwerer zu finden.

 

So beginnt auch Angelo als Fußballer und spielt in jeder freien Minute. Im Alter von zehn Jahren nimmt ihn ein Freund mit zum Basketball und der kleine Junge ist sofort Feuer und Flamme vom orangefarbenen Ball und der Dynamik, die auf dem Spielfeld vorherrscht. In seiner Heimatstadt Leer (nein, nicht die Stadt in Ostfriesland) und in seinen weiteren Wohnorten spielt er sich in den kommenden Jahren durch sämtliche Mannschaften und ist 2011 im ersten Team des Vereins und damit im semi-professionellen Basketball angekommen. Die Sportart genießt in dem Land trotz aller Schwierigkeiten eine hohe Aufmerksamkeit und Tradition, Spieler wie Manute Bol oder Luol Deng haben es beispielsweise erfolgreich bis in die NBA geschafft.

 

Ich merke schon nach wenigen Minuten, wie begeistert Angelo vom Thema Basketball ist. Seine Augen funkeln bei der Aussage, dass er die Sportart liebt und sie „my life“ sei. Er habe seine Kindheit und seine Teenagerzeit sehr genossen und konzentrierte sich auf seine schulische Ausbildung, erzählt er mir. 2014 beginnt er ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, er wird es allerdings nicht beenden. Grund dafür ist der Bürgerkrieg, der das Land seit 2013 fest im Griff hat. Nun beginnt die vielleicht schwerste Zeit in Angelos Leben. Er verlässt seine Heimat und begibt sich nach Abstechern in den Nordsudan für knapp zwei Jahre nach Ägypten. Auch dort spielt er Basketball, kommt jedoch nicht zur Ruhe und reist über Libyen und Italien in die Schweiz. Im Frühjahr letzten Jahres trifft Angelo schließlich erst in Hamburg ein und landet anschließend in einem Flüchtlingslager in Bramsche bei Osnabrück. Seit knapp einem halben Jahr ist er jetzt in Osnabrück und wohnt in einer Flüchtlingsunterkunft. Ich kann nur erahnen, wie bedrückend die damalige Situation für einen 23-jährigen jungen Mann sein muss und bin tief beeindruckt über die offensichtliche Leichtigkeit, mit der er mir von der Reise berichtet. In Osnabrück spielt er mit seinen Freunden zuerst Fußball, hält aber die Augen offen nach der Möglichkeit Basketball zu spielen. Er trifft Dirk, der ihn in seiner Funktion als Verantwortungsbürger beim NBV und als aktiver Basketballer mit zum Basketballtraining beim OSC nimmt. Seit November 2017 trainiert Angelo regelmäßig jeden Montag im Team mit.

 

Während seine Teamkameraden erste Drills auf dem Basketballfeld laufen, lenke ich das Gespräch auf den Sport und frage ihn nach den Unterschieden zwischen dem deutschen und dem sudanesischen Basketball. Er denkt kurz nach und sagt dann, dass vor allem der Einsatz in der Defense in Deutschland geringer sei. Die Gangart im Sudan ist seiner Aussage nach härter, dies sei aber eine gute Schule für ihn gewesen. In seinen bisherigen Teams spielte Angelo meist auf den Positionen 1 und 2 und kümmerte sich um den Spielaufbau. Sein Überblick und seine Dribblings sind seine Stärken. Damit eifert er seinen Vorbildern Kyrie Irving und Russell Westbrook nach. An seinen Schwächen, der Athletik und dem Sprungwurf möchte er noch arbeiten. Als ich später noch einige Fotos schieße und Angelo beim Spielen sehe, wird mir klar, dass seine Schwächen nicht unbedingt als solche zu charakterisieren sind. Er springt höher als sämtliche Mitspieler und holt diverse Rebounds aus der obersten Etage. Einen Fastbreak schließt er trotz Kontakt mit einem schönen Korbleger ab. Athletikprobleme sehe ich hier keine. Seine Teamkollegen sprechen deutsch auf dem Spielfeld und so lernt Angelo auf ganz natürliche Weise auch unsere Sprache kennen. Doch wie so oft beim Sport läuft die Verständigung auch hier in Osnabrück ohne viele Worte. Angelo ist einer der jüngsten Spieler im Team und der einzige Ausländer, doch beim Spiel 5 gegen 5 ist er wie selbstverständlich ein Teil der Mannschaft.

 

Aktuell kann Angelo nur am Training teilnehmen, weil sein Status als Flüchtling ein rechtliches Problem darstellt. Die Ausstellung eines gültigen Passes und eines Spielerpasses kann von den deutschen Behörden nicht ermöglicht werden. Hoffentlich kommt hier demnächst Bewegung in die Sache und ein offizieller Pass findet den Weg in Angelos Hände. Aufgrund dieser ungewissen Situation kann Angelo nicht wirklich einen Plan für seine Zukunft schmieden. Er möchte gerne in Deutschland bleiben, eine Arbeit finden oder sein Studium beenden und hofft sehr auf eine positive Entscheidung der politischen Entscheider. Der Sport ist für Angelo die perfekte Gelegenheit, um Land und Leute kennenzulernen. Er zeigt großen Einsatz auf dem Feld und sucht aktiv das Gespräch mit seinen Mitspielern. Auf meine Frage, ob Sport ein geeignetes Mittel zur erfolgreichen Integration sei, antwortet Angelo mit einem klaren Ja. Er ist sich sicher, dass er so einen ungefilterten Einblick in die deutsche Kultur bekommt und betont zum Abschluss, dass ihm das Leben hier außerordentlich gut gefällt.

 

Ich entlasse Angelo aufs Spielfeld und schnappe mir abschließend Dirk zum Gespräch. Dirk ist Verantwortungsbürger beim NBV und kümmert sich um die Integrationsarbeit. Im Rahmen des vom Bundesministerium des Innern geförderten Programms „Integration durch Sport“ nutzt Dirk seine vielfältigen Kontakte und seine Arbeit im Fitnessstudio des Flüchtlingshauses Osnabrück, um sportbegeisterte Menschen in den Osnabrücker Sportvereinen unterzubringen und sie zu integrieren. Er berichtet mir von seiner Motivation für diese Tätigkeit und hebt hervor, wie wichtig auch für ihn der Sport bei einer gelungenen Integration ist. In sportlicher Umgebung kann man seiner Meinung nach recht schnell und ohne große Sprachkenntnisse den Kontakt zu neuen Leuten finden. Auf freundschaftlicher und spaßiger Ebene lernt man gleichzeitig Eigenschaften wie Disziplin oder Teamfähigkeit und fasst nebenbei die Alltagssprache auf. Dirk kommt zum Ende des Interviews auch auf die Probleme in der Integrationsarbeit zu sprechen, berichtet mir vom plötzlichen „Transfer“ der Flüchtlinge, die dann von einem auf den anderen Tag aus eigenen Stücken gehen oder aufgrund der politischen Vorgaben die Stadt verlassen müssen.

 

Ich mache noch ein paar Bilder von Angelo während des Trainings und gucke dem Treiben auf dem Spielfeld einige Minuten zu. Dann verabschiede ich mich von ihm, wünsche ihm alles Gute, ziehe ich meine Winterjacke zu und gehe aus der Halle in den Regen. Es ist noch immer richtig ungemütlich draußen und ich freue mich auf die Sitzheizung im Auto. Auf der Autofahrt nach Hause denke ich intensiv über unser Gespräch nach und stelle fest, dass mich das Treffen wirklich beeindruckt hat. Ich wünsche Angelo, dass er in Deutschland eine zweite Heimat findet und vielleicht auch bald sein erstes offizielles Punktspiel in Osnabrück absolvieren kann. Und ich weiß, warum auch ich diese Sportart so liebe. Denn sie verbindet Menschen jeder Hautfarbe und jeder Herkunft.

 

Text und Bild: Florian Zweigle


Kontakt  |   Anfahrt  |   Impressum  |   Sitemap  |